Elektrolokomotiven
Vor mehr als 100 Jahren begann auf der Strecke zwischen Murnau und Oberammergau eine Entwicklung, die die Eisenbahn in Deutschland nachhaltig prägen sollte: Hier kam erstmals das heute noch verbreitete elektrische Stromsystem zum Einsatz. Die dafür beschafften kleinen Elektrolokomotiven, später als Baureihe E 69 bzw. Baureihe 69 bekannt, wurden zu technischen Unikaten und schrieben ein außergewöhnliches Kapitel deutscher Eisenbahngeschichte.
In seinem neuen Buch „Die Baureihe 69“ zeichnet Bernd Mühlstraßer die Geschichte dieser besonderen Lokomotiven und ihrer Strecke umfassend und auf Grundlage neuester Recherchen nach. Als ausgewiesener Kenner der fünf Lokomotiven hat er zahlreiche neue Erkenntnisse zusammengetragen und bislang wenig bekannte Details ans Licht gebracht. Eine besondere Quelle ist das inzwischen wieder aufgefundene Betriebsbuch der E 69 01, das neue Einblicke in die frühe Geschichte dieser legendären kleinen Ellok ermöglicht.
Fünf Lokomotiven – jede mit ihrem eigenen Charakter, ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen technischen Entwicklung – stehen dabei im Mittelpunkt. Zugleich erzählt das Buch die Geschichte der Strecke Murnau–Oberammergau und ihrer Bedeutung für die Entwicklung des elektrischen Eisenbahnbetriebs.
Mit einem fesselnden Erzählstil und einer beeindruckenden Auswahl historischer Bilddokumente lässt Bernd Mühlstraßer die Anfangsjahre des elektrischen Eisenbahnbetriebs lebendig werden. Die Aufnahmen führen zurück in eine Zeit, in der die heute selbstverständliche elektrische Eisenbahn noch am Anfang stand.
Zwei der einst eingesetzten Lokomotiven sind bis heute erhalten und gelegentlich sogar noch vor Museums- und Sonderzügen im Einsatz. Damit ist die Geschichte der Baureihe 69 nicht nur Vergangenheit, sondern bis heute erlebbar.
„Die Baureihe 69“ ist eine fundierte und zugleich lebendig erzählte Dokumentation über fünf außergewöhnliche Lokomotiven, eine geschichtsträchtige Strecke und ein technisches Pionierprojekt, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.
Punkt 5.25 Uhr springt der Radiowecker an. Die Bayern-Hymne erklingt, anschließend folgt das gesprochene „Impressum“ des Bayerischen Rundfunks: „Hier ist eine Anstalt des Öffentlichen Rechts, Intendant Reinhold Vöth …“ . Anschließend folgt „Start mit Schwung“. Jetzt war es aber höchste Zeit, dieses Motto anzunehmen und aufzustehen. Punkt 5.58 Uhr durch die Haustüre, ein paar Meter über die Straße, Schritt für Schritt auf zwei im Bahnhof stehende Zuggarnituren, Schritt für Schritt auf zwei freundlich grüßende E 69-Gesichter zu. Jene auf Gleis 2 wird mich gleich um 6.05 Uhr, zuverlässig wie Tag für Tag, in die Schule fahren und der Zug auf Gleis 1 vermutlich acht Stunden später, um 14.01 Uhr, wieder zurückbringen. Kann ein Tag inspirierender starten?
Diese und andere Alltagsszenen eines pubertierenden Jugendlichen mussten ganz einfach ein Leben prägen. Nie mehr sollte mich die Leidenschaft, die Verbundenheit zu diesen Begleitern der Kindheit wieder los lassen. Das musste doch Folgen haben! Die dritte „Folge“ dieser Lebenslinie halten Sie, verehrte Leserin, lieber Leser, nun also in den Händen. Zum dritten Male fasse ich die Geschichte von fünf ebenso kleinen, unscheinbaren, wie auch geschichtsprägenden Lokomotiven in einem Buch zusammen. Mit neuem Blick in die Gegenwart und schärferem auf die Vergangenheit. E 69 hören einfach nicht auf, Geschichte zu schreiben.
Als ich das neue Projekt vorbereitete, ahnte ich allerdings noch nicht, was noch passieren sollte. Ein wenig nachrecherchieren, ein wenig nachschärfen – das war doch selbstverständlich. Bis mich im November 2024 eine Mail mit einer eingescannten Seite erreichte. Ein übliches Formblatt der frühen Bundesbahn. Eine Seite aus einem Betriebsbuch. Die eingetragene Loknummer ließ mich am Verstand zweifeln – E 69 01! Immer galt das „Tagebuch“ der LAG 1 als verschollen, verloren für immer. Konnte man die Biografien der anderen E 69 ganz zuverlässig nachzeichnen, die alte E 69 01 blieb immer ein unbeschriebenes Blatt. Eine Lok ohne Geschichte, ein Mitspieler ohne Karten. Die bange Frage, ob das zugesandte Formular hält, was es verspricht, war bald beantwortet. Ich nahm Einsicht in das komplette Betriebsbuch dieser bislang so schweigsamen Lady. Sie vertraute mir alle ihre Geheimnisse, ihr ganzes Schicksal, 71 Jahre nach ihrer Abstellung, nun Fakt für Fakt an. Noch nie konnte dieses Material publiziert werden – und Sie sind nun die ersten, die mit eintauchen dürfen in das völlig neue Kapitel in der Geschichte der E 69.
Dagegen gab es bei der verschlungenen Biographie der LAG 4 nach meinem letzten Buch noch viele neue, konkrete Ergebnisse zur Entstehung, die teilweise auch den von mir vertretenen Thesen entgegenstanden. Ich fand es daher nur fair, diese neuen Erkenntnisse nicht einfach „unauffällig“ hier mit einfließen zu lassen, sondern dem mit seinem Rechercheteam so detailliert die Urzeit des Wechselstrom-Bahnbetriebs aufklärenden Autor Wolfgang-D. Richter hier selbst das Wort zu erteilen: Die neuesten Erkenntnisse rund um LAG 4 und der Weg hierzu, stellt er daher in diesem Buch in zwei Kapiteln dar. Herr Richter hat mich auch bei der Arbeit rund um die anderen Loks tatkräftig unterstützt.
Dies gilt natürlich auch für viele andere Wegbegleiter über drei Ausgaben zur Baureihe E 69, ganz besonders vom ersten bis zum letzten Arbeitsschritt über diese 27 Jahre für meinen guten Freund Brian Rampp. Danke für die permanente „Rückfall-Ebene“!
Ein Buch zu „erklären“, ist vielleicht genauso unangebracht, wie, wenn das bei einem Witz nötig ist. Mir ist es aber dennoch wichtig, auf meinen Ansatz der Fotoauswahl einzugehen, die ja schon beim Titelbild beginnt. Es wäre ein leichtes, einen Bildband nach dem Motto „Kleine bunte Loks in herrlicher Landschaft“ vorzulegen. Unerschöpflich und ganz, ganz süß. Doch bei der Fotoauswahl blieb ich an eher statischen Betriebssituationen hängen. Das war dann auch das Kriterium: Die Arbeitstiere E 69 in der für sie so typischen, in sich geschlossenen Betriebswelt zu zeigen. Im Betriebswerk, im Bahnhof oder auch beim Rangieren. Ich versuche, Sie in den Alltag und in die kleine Eisenbahnwelt der Ammergauer Bahn mitzunehmen. Nicht nur als Ansichtskarten-Motiv, sondern mit der stoischen Solidität, mit der die Loks fast ein Jahrhundert ihre Heimatstrecke prägten. Steigen Sie mit ein, in die Welt der Lokalbahn, in die Zeit, als eine Eisenbahn noch die Kulturlandschaft bestimmte.
Als ich Anfang der achtziger Jahre gleichzeitig von meiner Jugend und den aktiven E 69 Abschied nehmen musste, stellte ich mir die Frage: „Was mache ich denn in meinem Leben, wenn es keine 69er mehr gibt?“. Die Frage war falsch gestellt! Fast 50 Jahre später muss ich diese Frage umformulieren: „Was machen denn die E 69 mal, wenn es keinen Mühlstraßer mehr gibt?
In diesem Sinne: Bühne frei für die fünf Hauptakteure, aufbügeln, losfahren!
Oberammergau/Berlin,
im Sommer 2026
Bernd Mühlstraßer
- Ein Wort zuvor
- Die Eisenbahn im Ammertal
- Lokomotiven für das Ammertal
- Verlängerung
- Localbahn-G’schichten
- Streckensteckbrief
- Anhang
- Quellenverzeichnis
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